13.07.2016
Ingenieur, Skulptur, Kunst, Kreativität

An was denken wir bei Ingenieur und Skulptur?

Erst kürzlich habe ich gelesen, dass ein Team vom Büro Schlaich, Bergermann und Partner, Christo unterstützt bei der Entstehung seiner Großskulptur in der Wüste. Eine Aufgabe die konstruktiv Neues fordert. Eine Herausforderung die streng an die Vorstellungen des Künstlers in der Umsetzung gebunden ist. Eine Affinität zwischen Künstler und Ingenieurtechnik. Das ist nicht ungewöhnlich. In seinem Werk "Promenade" von 2008 hat Richard Serra fünf Teile (17000x400x13cm) aus Stahl in seiner skulpturalen Vorstellung der Öffentlichkeit präsentiert. Auch dieses Kunstwerk hat die Ingenieurtechnik gefordert durch die physikalischen Gesetzmäßigkeiten und war zu Beginn der Idee durchaus von Skepsis geprägt. Kreativität und Ingenieur(kunst) als Gegenpol zu "never change a winning team".

Ich bin Ingenieur und unbändig stolz darauf, schreibt Dr. Ekkehard D. Schulz in seinem Buch "55 Gründe Ingenieur zu werden". Als ich das Buch gelesen habe, hatte ich schon mehr als zwanzig Jahre Berufserfahrung als Konstruktions- und Entwicklungsleiter. Eine Rolle die besonders in den letzten beiden Jahrzehnten geprägt wurde von strategischer Verantwortung, fachlicher Kompetenz und operativer Einbindung innerhalb des Unternehmens. Rückblickend und bis heute gab und gibt es diese besonderen Momente noch immer. Im Sprachgebrauch gehören die Ingenieure zu den Tüftlern. Und Ingenieure werden, wenn von ihnen gesprochen wird, mit dem Maschinenbau, Fahrzeugbau und der Elektrotechnik in Verbindung gebracht. In diesem Wirkungskreis ist der einzelne Ingenieur einer unter ca. 600.000 Kollegen. Auf die Bundesrepublik hochgerechnet eine kleine Berufsgruppe. Werden die Ingenieure außerhalb der genannten Zielgruppen mitgezählt, so kommen unabhängige Institute auf ca. 1,6 Mio. Ingenieure. Ein Berufsstand der auch gerne als ein Eckpfeiler für das Erfolgsmodell Deutschland gepriesen wird. Den Kern des Eckpfeilers bilden dabei nur noch wenige Branchen. Genannt werden dann der Maschinen- und Anlagenbau, die Chemie, die Autoherstellung und die Elektroindustrie. Domänen die auf Jahrzehnte zurückgreifen können. Das Wirtschaftswunder aus der Nachkriegszeit. Doch bei allem Respekt - diese Domänen beginnen immer mehr zu reagieren als zu agieren. Für zündende, neue Ideen fehlt etwas. Tüfteln allein genügt nicht. Alle Führungskräfte wissen, dass kreative Mitarbeiter die Stellschraube für eine erfolgreiche Zukunft sind. So gesehen könnte Kreativität für qualifizierte Mitarbeiter ganz einfach sein. Wären da nicht die Erwartungen und Herausforderungen innerhalb der historisch gewachsenen, traditionellen Prozesse und Strukturen.

Warum ich in der Einführung mit der Zusammenarbeit von Kunst und Technik beginne. Künstler und die Affinität zu Ingenieuren ermöglichen eine Durchdringung der Kunst mit dem Know How aus der Technik. Die Synthese Skulptur, Funktion und Konstruktion erschließen bei beiden künstlerischen Bauwerken den Blick auf etwas Neues. Sie sind Wegbereiter für Erkenntnisse. 

"Erkenntnisse bedeuten immer einen neuen Baustein in der Persönlichkeitsentwicklung. Erkenntnisprozesse können vorbereitet werden durch Fragen oder eine eigene Fragehaltung. Voraussetzung dafür sind Neugierde, Offenheit, Angstfreiheit und Lust. Es geht um qualifizierte Wahrnehmung, die Entwicklung einer eigenen Fragehaltung, die Infragestellung fester Konnotationen, Klischees und bestehender Konventionen, um das Zweifeln, Verrücken, Umsetzen, Positionieren, Experimentieren, um das Antenne-Ausfahren, Wegdenken und Zulassen. Dies ist der Boden für Erkenntnisse und künstlerische Prozesse".* So werden die Mitarbeiter ermutigt neue Fähigkeiten bei sich selbst zu entdecken und die Welt mit anderen Augen sehen. 

Kreativität ist das Tun um zu etwas Neuem zu gelangen. Und Kreativität verlangt Vision, aber auch eine Unerschrockenheit bei zutage tretenden Schwierigkeiten. Erkenntnisse daraus haben nichts mit Phantasie zu tun. Kreativität aus der Technik und Kunst geschöpft ist eine facettenreiche Denkweise, eine erweiterte Plattform aus Ereignissen und Wahrnehmungen. Wer Kreativität unter Druck und mit dem Ziel anwendet, mit dem ersten Entwurf ein perfektes Ergebnis zu bekommen, der wird enttäuscht. Kreativität und der Umgang damit ist leider nicht Teil des Bildungssystems. Menschen Kreativität lehren ist unmöglich. Menschen dabei zu unterstützen sich Kreativität individuell anzueignen schon.

* Prof. U. Bertram-Möbius, TU-Dortmund / Marmor macht Schule, 2011, S72, Haupt Verlag

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